CLAUDIA SONNTAG

WALKING LOVESTORY

Spüren

Sep. 13, 2026

Ich würde mich freuen, wenn du mich auf eine Wanderung oder gerne auch auf einen Trail begleitest.

Wir starten im Tal, die Sonne scheint, die Wiesen sind wunderschön grün mit vielen blühenden Blumen, die Sonne leuchtet durch die Bäume und färbt die Blätter in einem wunderschönen hellen Grün. Unsere Muskeln und Glieder sind noch etwas steif, aber mit jedem Schritt kommen wir mehr und mehr in unser Tempo. Je höher wir kommen, umso schöner wird die Sicht auf all die anderen Berge. Wir gehen einem Bach entlang, der in gemächlichem Tempo ins Tal fließt. Wir überqueren auf kleinen Holzbrücken immer wieder diesen Bach. Das langsam sich talwärts ziehende Wasser hört sich entspannt und beruhigend an. Auf unserem Weg in Richtung Gipfel kommen wir bei mehreren Almen vorbei. Wir entschließen uns, bei einer einladenden Hütte zu rasten. Wir haben keine Eile, wir sitzen in der warmen Sonne vor der Hütte, genießen vielleicht ein alkoholfreies Bier und ein Butterbrot. Das Bier schmeckt erfrischend. Wir lassen unsere Seele in der Wärme baumeln und genießen die wunderbare Aussicht. Viele Gipfel sind teilweise noch Schnee bedeckt, der in der Sonne glitzert. Nach einiger Zeit brechen wir wieder auf und machen uns auf den Weg zum Gipfel. Mit zunehmender Höhe werden die Bäume weniger und wir sehen mehr und mehr Wiesen mit wunderbaren Blumen, die Alpenrosen blühen mit voller Kraft. Wir spüren die Anstrengung, es ist ein angenehmes Gefühl. Es tut gut, wir bewegen uns in unserem eigenen Tempo – Schritt für Schritt. Dann sehen wir den Gipfel und das Gipfelkreuz. Beide leuchten in der Sonne und wir freuen uns, bald oben zu sein. Ein kleiner Anstieg noch und es ist geschafft. Oben angekommen, setzen uns in die Wiese und genießen dieses atemberaubende Panorama. Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit. Wir atmen die Luft tief ein. Wir fühlen die Anstrengung des Aufstiegs und sie fühlt sich gut an. Dieses Gefühl, etwas getan zu haben, den Körper bewegt zu haben ist einfach nur schön. Wie gut erst schmeckt die Brotzeit, die wir aus dem Rucksack holen. Essen ist einfach noch intensiver nach Bewegung. 

Habt ihr in Erinnerungen geschwelgt?

… innere Bilder einer Bergtour gesehen?

…. die Wärme der Sonne auf der Haut gespürt ?

….. die Wiesen gerochen? .

… das Rauschen des Wassers gehört?

…. die Anstrengung im Körper gespürt? 

Wie intensiv sind solche Wanderungen und Trail Läufe, wenn wir spüren, wenn wir mit allen Sinnen aufnehmen, wenn wir mit unserem Herzen dabei sind, spüren, wie dieses aufgeht und so groß wird. Schön, nicht? Und wie schön ist es, nur für ein paar Minuten aus dem Leben auszusteigen und zu spüren. Manchmal fühlt sich das wie Aufladen der Akkus an. 

Und dennoch spüren wir uns immer wieder nicht. In unserem täglichen Leben ist wenig Zeit für Eigenwahrnehmung. Wir bewegen uns in einem Alltag, in dem Spüren für viele von uns nicht angesagt, oftmals unerwünscht ist; manche Menschen weniger, seltener, manche mehr und öfters, manchmal kürzer, manchmal länger, vielleicht auch weil es das Schicksal gerade nicht gut mit uns meint. Es gibt aber auch einfach nur Tage, der mies laufen. Es gibt Zeiten, in denen wir in unserem Job sehr gefordert oder es gibt Probleme in der Familie. Diese Gefühle drücken wir vielleicht ganz gerne weg. Manchmal weil wir nicht hin spüren wollen, manchmal weil wir uns auch die Zeit nicht nehmen, still zu werden und zu verarbeiten.

Aus meiner Sicht und meiner Erfahrung ein Kardinalsfehler, denn dieses Wegdrücken ist wie eine Einladung an die zumeist unangenehmen, möglicherweise sehr traurigen Gefühle, zu bleiben. Wir sollten sie aber früher oder später in Fluss bringen, um sie danach gehen zu lassen. Ich habe mir z.B. angewöhnt, vor dem Schlafengehen einfach 20 Minuten auf meiner Couch zu verbringen, ohne etwas zu tun, einfach sitzen, Musik hören und atmen (manche denken sich jetzt wohl: na no na ned ;-), aber ich meine tief und bewusst atmen. Ich bin überzeugt, sich Zeit zum Verarbeiten zu nehmen, bringt uns wieder in ein Gleichgewicht und wir machen einmal Pause vom Sammeln von Informationen. So eine kurze Auszeit lässt sich auch gut mit einem schönen Gefühl abschließen. Es hat noch den guten Nebeneffekt, dass wir besser schlafen als z.B. nach einer Nachrichtensendung. 

Was genau heißt es: Wir spüren uns nicht?

Meine Erklärung wäre, wir wissen nicht oder nicht genau, wie es uns geht und damit auch nicht, was wir brauchen. Wir sollten aber doch Sorge tragen, dass es uns gut geht, was auch immer dies für jeden einzelnen von uns heißt. Wir können es nur nicht, wenn wir uns selbst nicht wahrnehmen und es nicht wissen. Wie wollen wir dann ehrlich auf die Frage antworten: „wie geht es dir?“ – schwer, oder? 

Wir sind zu einem großen Teil in unserem Leben fremdbestimmt und der zeitliche Rahmen in dem wir uns darüber Gedanken machen könnten, was wir denn jetzt gerne mit der freien Zeit tun würden, ist für viele von uns mehr als überschaubar. Freie Zeitkontingente werden oftmals – sobald entdeckt – gleich wieder verplant. Aber wir haben in dieses Leben eingewilligt und viele suchen mehr und mehr im Außen etwas, das wir in unserem Inneren finden können: Zufriedenheit, Frieden, Dankbarkeit – wenn vielleicht auch nur für ein paar Minuten. Einfach einmal Tempo herausnehmen, stehen bleiben, atmen und spüren – ohne Handy, ohne social media. 

Wir Läufer haben es da ja ganz gut.

Beim Laufen tun wir etwas für uns, für unseren Körper. Wir haben einen leichteren Zugang zu unserem Inneren. Wenn wir das eine oder andere Mal alleine und vielleicht auch noch ohne Musik im Ohr unterwegs sind, wenn es „still“ wird und wir mit uns alleine sind, haben wir die Möglichkeit, uns ins Hier und Jetzt zu begeben. Wir könnten uns fragen, wie es uns gerade wirklich geht und in uns horchen, vielleicht unsere Füße spüren, wie sie den Boden berühren, unser Herz, wie es für uns schlägt. Ich bin davon überzeugt, jeder Lauf, bei dem wir uns wirklich spüren, ist intensiver. Wir erleben ihn bewusster und kommen ganz anders wieder in unserem Alltag an. 

Unser Kopf hat den ganzen Tag so viele Gedanken zu unserem Tag beizutragen. Er kommentiert jedes und alles, was wir tun und – Hand aufs Herz – es sind meist negative Gedanken. Denn unser Gehirn denkt problem- und nicht lösungsorientiert. Haben wir in etwa den Anspruch an uns, perfekt zu sein, wird unser Kopf sich dieser Aufgabe voll und ganz widmen und zwar solange, bis das Ziel erreicht wird. In diesem Fall wohl eher nie. Ich glaube nicht, dass es nur mir so geht, aber wer von euch hat während einem Intervalltraining allzu viele positive Gedanken? Wäre es nicht schön, wenn unsere Gedanken auch etwas Positives zu dieser Schinderei beitragen würden?

Wäre es nicht fein, wenn der Kopf motivierende Gedanken wie: „Das machst du super, komm, toll, bald hast du es geschafft, denk dran, wie gut du dich fühlst, wenn du das Training geschafft hast“. Meist stimmt auch noch das Bauchgefühl in den Kanon mit ein und lässt ergänzend zu den Gedanken das Gefühl raus, wie zach das Training gerade ist. Würde es Bücher über positives Denken geben, wenn wir dies natürlicherweise tun würden? Ich würde sagen, nein. Auch Mentaltraining ist Training! Aber gerade bei langsamen, langen Läufen können wir versuchen, den Terrorist in unserem Kopf (© Gerhard Schiemer) mit einem Stopp kurz zur Ruhe zu bringen, fühlen, die Umgebung wahrnehmen und genießen. Wir könnten auch kurz einfach dankbar sein, dass wir in der Lage sind, zu laufen. Positive Gefühle wirken sich auf unseren Körper und somit auf unsere Gesundheit aus, negative ebenso, nur halt in die entgegengesetzte Richtung. Genügend Studien dazu gibt es. Der Verstand hat auch nicht die Aufgabe, uns glücklich zu machen. 

Aber oftmals sind wir auch im Training fremdbestimmt und anstatt vielleicht einen gemütlichen Lauf zu machen, bei dem wir gut abschalten und den Tag hinter uns lassen könnten, spulen wir vielleicht Intervalle ab, weil sie am Plan stehen. Ich für mich habe das mit dem Trainingsplan öfter probiert, aber immer wieder sein lassen. Er hat mich eingeengt, mir keinen Spielraum gelassen, mich unter Druck gesetzt und meine Intuition an die Wand genagelt, die aber ihre Daseinsberechtigung hat. Aber ich habe tagsüber an 5 Tagen oder mehr pro Woche genug Druck, also warum auch noch in den wenigen Stunden Freizeit, über die ich halbwegs selbstbestimmt verfügen kann. Wenn schon Plan, dann sollte doch zumindest ein Lauf pro Woche nach Lust und Laune gelaufen werden. Aber wir ticken ja alle mehr oder weniger unterschiedlich und es geht darum, das herauszufinden, was uns förderlich ist und nicht, was, uns noch zusätzlichen Stress bereitet. Das funktioniert erfolgreicher mit einem guten Selbstgefühl. 

Eigenwahrnehmung ist wichtig für uns, für unser Wohlbefinden.

Wenn ich um meine Bedürfnisse weiß, weiß, was ich gerade brauche und mich dennoch dagegen entscheide, dann im vollen Bewusstsein, dass ich mir selbst damit gerade nichts Gutes tue. In diesen Fällen sind wir uns möglicher Konsequenzen bewusst und eher bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Wenn wir uns nicht spüren, ist das Treffen einer Entscheidung für unser Wohlbefinden eher ein 50:50 Joker – kann guttun, muss es aber nicht. Manchmal sind wir dann in solchen Situationen von den Folgen überrascht – im Kleinen wie im Großen. 

Ich glaube daher, wenn unsere Eigenwahrnehmung in Schieflage ist, laufen wir Gefahr, uns möglicherweise zu über- oder unterschätzen, je nach Typus und Ausprägung des Selbstwerts. Das Bild, das wir von uns selbst haben, weicht mehr oder weniger stark von der Realität ab. Überschätzen wir z.B. unseren Trainingszustand kann es passieren, dass sich Misserfolg bei der Laufveranstaltung, für den wir trainiert haben, einstellt – wie auch immer wir Misserfolg definieren. Aber positiv betrachtet wäre ein schlechtes Ergebnis in der Folge dann zumindest eine Einladung, sich nach den Ursachen zu fragen, um aus den gemachten Fehlern zu lernen. Aber auch das funktioniert ohne Eigenwahrnehmung nicht so gut, da ich mich auch im Nachhinein nicht realistisch einschätzen kann. Manche geben den Umständen die Schuld. Dann war diese Erfahrung mehr oder weniger umsonst, nämlich ohne Lerneffekt. 

Rückschläge sind oft lehrreicher als Siege, denn sie bringen uns erst an die Grenzen unserer Selbstwahrnehmung und der Auseinandersetzung mit uns selbst. Pierre-Erik Schuberg. 

Warum sollten wir uns spüren, warum wahrnehmen, wie es uns geht? 

Eine der leichtesten Fragen. Es ist einfach schöner, sich glücklich zu fühlen, als sich glücklich zu denken. Das Gefühl, wenn uns das Herz aufgeht und es sich weitet, ist soulfood vom Feinsten. Endorphine nach einem gelungenen Lauf haben doch was, oder? Sicherlich besser, als einfach ein Hakerl unter einen erledigten Trainingslauf zu setzen. Wir leben intensiver, wenn wir eingeschaltet anstatt blockiert sind. Letztendlich haben wir unglaubliche Ressourcen in uns zur Verfügung, die nicht ungenützt vor sich hindümpeln sollten. 

Laufen ist eine wundervolle Möglichkeit, ins Spüren zu kommen. Dafür dürfen wir dankbar sein und uns immer wieder bewusst machen, wie erfüllend und ausgleichend dieser Sport ist. 

Ich wünsche euch viel Spaß und ein gutes Gefühl bei euren Läufen. Enjoy. 

In liebevoller Resonanz,