CLAUDIA SONNTAG

WALKING LOVESTORY

Lauffreundschaft

Sep. 3, 2026

Lauffreundschaft

Da gibt es eine(n) oder mehrere, die diesen so geliebten Sport mit uns teilen. Menschen, die uns über viele KM begleiten und das bei Hitze, Kälte, Regen, bei fast jedem Wetter. Schon diese Tatsache trennt Freunde und Lauffreunde, denn das würden ja im – nennen wir es einmal – anderen Leben nicht viele für bzw. mit uns machen. Da suchen sicherlich viele aus unserem Umfeld das Weite, wenn wir Ihnen vorschlagen, gemeinsam eine längere Runde zu drehen, weil es gerade so schön schneit oder weil die Stimmung bei Nebel – abgesehen von der meist kalten Feuchtigkeit – eine ganz besondere ist. Die / der eine oder andere würde mit ihrer/seiner Hand über die Stirn wischen und das Weite oder das nächste Kaffeehaus suchen. Aber mit Lauffreunden ist das anders – wir suchen gemeinsam das Weite und das am besten lange.

Gemeinsam unterwegs

Für Lauffreundschaften kann man nicht ausreichend dankbar sein. Da gibt es Menschen, die wir riechen können – also zumindest meistens, mit denen wir einen ganzen Tag verbringen können, unserer Lieblingstätigkeit gemeinsam nachgehen und dann auch noch darüber reden können, ohne dass das Gegenüber nach einigen Minuten die Mundmuskulatur mit Gähnen trainiert. Wir haben die Möglichkeit über Schuhe, Trails, Laufreisen, Training und auch ein bisserl über´s Leben zu philosophieren. Der Gesprächsstoff ist nicht enden wollend.

Wenn ein Austausch stattfindet, wird auch keinem der Beteiligten langweilig, Alltag und vielleicht damit verbundene Probleme bleiben oft außen vor und man vergisst sie für ein paar Stunden. Klopft dann vielleicht noch der FLOW bei uns an, haben wir einen perfekten Lauftag und können diesen in vollen Zügen genießen. Mit das Beste daran ist aber, dies mit jemandem teilen zu können.

Und manchmal ist es aber auch einfach schön, gemeinsam schweigend zu laufen, die Landschaft und die Bewegung zu genießen. Ein anderes Mal ist das Leiden ein bisserl leichter, weil wir abgelenkt werden und es dann nicht mehr ganz so schlimm ist, wenn unser Körper den Tag lieber waagrecht ausgestreckt auf der Couch verbringen würde.

Menschen, die das Tal mit uns sehen

Freundschaft hat für viele von uns unterschiedliche Stellenwerte. Ich glaube allerdings, dass sich diese Unterschiede bei Lauffreundschaften minimieren. Die gemeinsame Liebe zu diesem Sport ist ein breites Fundament. Läuft es vielleicht gerade nicht gut bei uns, ist jemand an unserer Seite, der verdammt gut weiß, wie es uns geht, jemand, der es nachfühlen kann und das Tal sieht, durch das wir gehen bzw. laufen. Im guten Fall tut er / sie das auch noch kund oder schafft es, etwas aus uns herauszuholen, dass wir alleine möglicherweise nicht geschafft hätten.

Es ist einfach eine schöne Sache – auch in Laufgruppen – unseren Alltag, unsere Sorgen und Nöte die unser Leben für uns bereithält, für Stunden auf die Seite zu legen bzw. daheim zu lassen. Oft sind diese nach einem gemeinsamen Lauf kleiner, wir haben es vielleicht geschafft, eine gesunde Relation zu ihnen herzustellen und ein paar Stunden ohne Grübeln verbracht.

Dies zeigt uns, dass Ablenkung eine gute Sache ist. Wir ziehen beim Gedankenkarussell einfach für einige Zeit den Stecker und manchmal kann es sogar passieren, dass wir auf einmal eine Lösung haben, aber jedenfalls hat sich unser Zugang zu einer unangenehmen Sache verändert und manche Sorgen haben ein bisserl von ihrem Schrecken verloren.

Ablenkung, die uns guttut

Es wäre wohl eine ganz gute Idee, nicht nur mit Laufen diesen Stecker zu ziehen. Oft wären wir besser beraten, uns abzulenken und etwas anderes zu tun, dass unsere Aufmerksamkeit erfordert anstatt gebetsmühlenartig immer wieder dieselben Gedanken durch unseren Kopf ziehen zu lassen, die oft an Schwere gewinnen und in der Folge auch noch unangenehme Gefühle im Körper auslösen. Ablenkung tut gut, macht oft Spaß und bringt uns zumindest eine Auszeit, in der wir auftanken oder auch zur Ruhe kommen können.

Darüber reden hilft nicht, sondern verankert uns noch mehr in dem Problem, in der Sorge. Da ich meine Liebe fürs Klettern entdeckt habe, kann ich dies als Ablenkung nur Wärmstens empfehlen. Man tut bei diesem Sport gut daran, im Hier und Jetzt zu sein, andernfalls könnten sich womöglich – im wahrsten Sinne des Wortes – Abgründe auftun.

Frei, leicht und dennoch tief

Aber zurück zur Lauffreundschaft. Für mich fühlt sich diese Art von Freundschaft frei und leicht an, vielleicht weil sie nicht so verpflichtend ist und/oder wir mehr oder weniger keine Erwartungen an sie haben? Dabei ist sie manchmal nicht weniger tief. Begründet sich dies nur darin, dass wir mit ihnen unsere Leidenschaft teilen und sich dadurch ein gewisser Gleichklang einstellt?

Natürlich gibt es auch hier ganz unterschiedliche Facetten von Freundschaften. Menschen, die mit uns das Laufen teilen, andere wiederum die wir auch in unser anderes Leben einladen und sie daran teilhaben lassen und wieder andere, mit denen wir gute Gespräche beim Laufen führen können, die gemeinsame Bewegung genießen und dann noch diejenigen, mit denen wir einfach Spaß haben. Wie auch immer, Laufen verbindet Menschen und das ist gut so.

Meine „nice guys“

Seit mehreren Jahren guide ich Laufgruppen, teilweise mit lieben LauffreundInnen von mir, die mich seit Jahren begleiten. Ich nenne sie liebevoll „meine nice guys“. Mit ihnen zu laufen war für mich Woche für Woche ein Genuss. Mit am wohlsten habe ich mich gefühlt, wenn viel geredet und gelacht wurde. Das war für mich jedes Mal ein wunderbares Feedback, dass es Spaß gemacht hat.

Was in Laufgruppen ein No-Go ist

Was wir als LauffreundInnen aus meiner Sicht allerdings tunlichst unterlassen sollten und das gilt für mich auch als no go in Laufgruppen: Andere Läufer zu überreden; sie zu überreden, weiter zu laufen; sie zu überreden, einen Wettkampf gemeinsam zu laufen; sie zu einem gemeinsamen Lauf überreden, obwohl der andere das nicht möchte, oder gar im Wettkampf zur selben Pace zu überreden.

Dies hat aus meiner Sicht nichts mit Freundschaft zu tun, das ist eher Entfaltung des Egos, welches wir dem anderen überstülpen und ihm damit meistens nichts Gutes tun. Ein lieber Lauffreund von mir, der viel als Guide unterwegs ist, hat mir erzählt, die meisten Unfälle passieren den „mitgebrachten“ Läufern, die überredet wurden.

Wertschätzung verbindet

Und sonst meine ich, kommt man mit Wertschätzung und den anderen nehmen, wie er ist, gut weiter. Ich durfte bei diesem Sport viele Menschen kennenlernen, die diese Wertschätzung zeigen, sich für andere freuen, wenn sie weiterkommen, die andere auch fragen, ob sie etwas brauchen oder ihnen einfach auf die Schulter klopfen und sie anfeuern. Auf den Punkt gebracht, bereichern LauffreundInnen unser Leben.

Laufen als guter Freund

Ist aber nicht eigentlich auch das Laufen an sich wie ein guter Freund? Wir tun uns (zumindest meistens) etwas Gutes, wir können unsere Arbeit Arbeit sein lassen. Seit Homeoffice und Corona geht ja auch für einige von uns ein Lauf zu Mittag, wenn am Abend Regen angesagt ist oder es früh dunkel wird. Wir bewegen uns an der frischen Luft. Wenn wir vielleicht Glück haben, laufen wir auch noch in einer schönen Landschaft.

Geht es uns nicht gut, hatten wir einen miesen Tag, kann ein Lauf wahre Wunder vollbringen. Laufen ist wie eine Frischzellenkur für die andere viel Geld bezahlen. Laufen gibt uns die Möglichkeit, abzuschalten, den Tag hinter uns zu lassen, uns aufzuheitern, schlechte Stimmung ablaufen zu lassen. Wie schön ist es, wenn wir dann heimkommen und das gute Gefühl macht sich breit, etwas getan zu haben.

Laufen lässt uns auch oft besser schlafen, lüftet uns aus und weht oft Gedanken aus unserem Gehirn. Noch intensiver können wir das fühlen, wenn wir alleine unterwegs sind. Alleine zu laufen gibt uns die Möglichkeit, für einige Zeit bei uns anzukommen, dort ein bisserl zu bleiben und es im Außen still werden zu lassen.

Ich wünsche euch viel Spaß und Genuss beim Laufen.