CLAUDIA SONNTAG

WALKING LOVESTORY

Krone richten

Sep. 3, 2026

Krone richten, aufstehen und weiterkämpfen oder netter formuliert weitergehen. Diese und ähnliche Sprüche hören wir bei persönlichen Niederlagen immer wieder, ob gerne, sei dahingestellt. Wirklich gerne wohl eher nicht, da der Anlass eher aus der Schublade „mies gelaufen“ kommt und untrennbar mit Situationen in Zusammenhang steht, die wir herzlich gerne missen möchten. Mir fällt gerade auf, dass hier viel „mis“ vorkommen: mies gelaufen, Misserfolg, missen, irgendwie keine nette Wortsilbe.

In unserem Läuferleben sind diese Situationen meist DNFs oder überschaubare Ergebnisse bei den unterschiedlich angebotenen Stundenläufen, wobei ich nicht genau weiß, ob hier ein DNF nicht ein Vorteil wäre. Für mich fühlt es sich ziemlich ähnlich an.

Mein erster 24h-Lauf

Anlass für meine Gedanken und die damit verbundene Niederschrift ist mein am Samstag (anstatt Sonntag) zu Ende gegangener erster 24h Lauf in Tulln. Die Zusammenfassung ist schnell gemacht: nach mehr oder weniger 60 km war Schluss, ich habe meine Sachen gepackt und mich in Richtung Ausgang begeben. Die Kurzgeschichte dazu beginnt eine Woche vor dem Start: Am Sonntag vor dem Lauf hatte sich mein Rücken dazu entschieden, sich bemerkbar zu machen und dies eher im Bereich „konstant und vehement“. Daraus resultierten relativ bald die sich täglich vielfach wiederholenden Fragen: kann ich laufen, kann ich nicht laufen, was tun, wie entscheiden? Diese ständige Ungewissheit nagt an uns und kostet Energie. Energie, die wir wohl während unserem tapern besser und sinnvoller einsetzen könnten. Da ich vor größeren Laufherausforderungen immer wieder Symptomschmerzen bekomme, hatte mich dies anfangs nicht arg abgeschreckt, aber die Konstanz, mit der sich dieser kleine Terrorist meldete, hat mich dann doch etwas verunsichert und wachsam gemacht. Dennoch beschloss ich, an den Start zu gehen und zu laufen. Ich würde bald sehen, wie es läuft. Da es sich hierbei nicht um eine Grundlage für eine Rosamunde Pilcher Verfilmung darstellt, geht diese Geschichte nicht ganz so gut aus. Mein Ergebnis würde ich persönlich der Kategorie überdurchschnittlich bescheiden zuordnen, die absolvierten Runden bei diesem 24h Lauf waren doch sehr überschaubar und mein Antreten sicherlich in dieser Kürze alles andere als gewollt.

Der Körper verhandelt nicht

Die Entscheidung, den Lauf zu beenden war so klar, so eindeutig. Nach ca. km 35 machte ich meine erste Esspause. Als ich danach wieder zu laufen begann, fühlten sich meine Beine das erste Mal an, als wäre ich schon viele, viele Stunden unterwegs. Das war nicht gut, gar nicht gut. Dann ging es immer wieder bergauf und bergab. Ich bin wohl bei km 50 wieder etwas ins Laufen gekommen. Es lief nicht rund, aber es lief. Ich begann, mit meinem Körper einen Deal auszuhandeln. Der erste war: wir laufen 14 Stunden – dies wäre bis Mitternacht, dann wird aufgehört. Ich dachte, ein Zugeständnis meinerseits würde ihn überzeugen, den einen oder anderen Reservespeicher zu mobilisieren, um doch noch ein paar Stunden wirklich laufen zu können. Als Goodie gäbe es ja danach viele Stunden Schlaf. Aber dem war nicht so und offensichtlich habe ich diese Rechnung ohne meine Beine gemacht. Mein Bewegungsapparat hat diese Message negiert und war verhandlungsresistent. Aber so schnell geben wir Läufer ja nicht auf und ich startete einen weiteren Versuch, der da lautete: also wir laufen 100 km und danach wird aufgehört. Aber auch hier hat mein Körper mit völligem Ignorieren reagiert.

Mein lieber Betreuer Reinhard hat dann die eine oder andere Runde mit mir gehend bewältigt, nur bin ich keine Geherin, ich laufe. Sein Vorschlag, noch eine weitere Pause zu machen, um dann vielleicht doch wieder in einen flow zu kommen, war grundsätzlich eine gute Idee. Ich wusste aber dennoch relativ bald, das wird nichts mehr. Meine Beine dürften nach 60 km nicht so schmerzen, sich nicht so erschöpft anfühlen, dass Laufen zu einer so großen Anstrengung wurde. Es lagen ja noch 17 Stunden – noch dazu ein Großteil davon in der Nacht – vor mir. Letztendlich bin ich einfach mit zu hohem Energieaufwand gelaufen. Um meinen Rücken zu schonen, lief ich wohl verkrampft, war weder locker noch energiesparend unterwegs; ganz im Gegenteil.

Ich weiß jetzt nicht wie es euch geht, aber auch wenn ich wusste, wie sinnvoll es ist, aufzuhören, zusammenzupacken und nach Hause zu fahren, sind das Momente, in denen eine kleine, nämlich meine Welt zusammenbricht und das Seelenbarometer hängt für Stunden und vielleicht auch Tage auf Trübsal. Dieser bittere Geschmack ist unschön. Aber wenn wir erfolgreich sein wollen, gehört eine Portion Mut dazu. Mut, etwas Neues zu probieren, Mut, ein Risiko einzugehen und damit aber auch das Scheitern als Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Die richtige Entscheidung für uns selbst

Grundsätzlich scheiden sich bei Entscheidungen, einen Lauf zu beenden, wohl die Geister. Es gibt sicherlich viele Läufer, die das zu Ende bringen wollen und es auch tun. Ihr Ziel ist möglicherweise, das Ziel zu erreichen. Nur ich sehe für mich keinen Sinn darin, meinen Körper – aus meiner Sicht – zu quälten, Verletzungen zu provozieren und / oder die Regenerationszeit zu vervielfachen. Ich habe bis dato kein einziges DNF bereut oder damit gehadert. Jedes Mal war für mich klar, ich würde meine Gesundheit auf´s Spiel setzen, wenn ich weitermache anstatt aufzuhören. Wir beenden ja einen Lauf nicht einfach, weil wir keine Lust mehr haben. Bei einer Laufveranstaltung hatte ich vor ein paar Jahren ein Gespräch mit einem der Veranstalter. Er meinte, es werden bei den Verpflegungsstationen keine Bänke aufgestellt, damit Läufer nicht in Versuchung kommen, aufzuhören und damit aufzugeben. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Wenn ich einen Lauf beende, kann mein Körper nicht mehr, er hat Schmerzen oder verweigert sonst wie; ob ich bei dieser Entscheidung sitze oder stehe, ist nicht wirklich relevant.

Aus heutiger Sicht möchte ich in 5 wie auch in 10 Jahren auch noch laufen. Zumindest hätte ich gerne die Freiheit, dies entschieden zu können und nicht gezwungenermaßen die Seiten zu wechseln. Ich bewege mich gerne. Eh klar, sonst wäre ich keine Läuferin. In Wien würden wir sagen „na no, na ned“. Letzt endlich geht es darum, die für uns persönlich richtige Entscheidung zu treffen. Wir sind auch diejenigen, die damit leben und sich in den Spiegel schauen. Ich meine nur, mit unserem Körper verhält es sich ähnlich wie mit unserem Planeten. Wir haben nur diesen einen, noch dazu ist ein zugehöriges Ersatzteillager ziemlich überschaubar und sicherlich kein Ziel, dieses in Anspruch zu nehmen.

Niederlagen gehören zum Leben

Klar kommen Gedanken wie: so viele Trainingskilometer für die Katz´. Aber das Risiko gehen wir ein und wir wissen darum. Wir laufen ja gerne und Training macht Spaß. Manchmal sagt unser Körper einfach STOPP. Wir haben dies zu akzeptieren, wenn er nein sagt, ihm vielleicht die Herausforderung zu groß ist, der Zeitpunkt nicht der beste ist, weil wir gerade den Kopf voller Sorgen haben, ein anderer Bereich in unserem Leben nicht so toll läuft und wir diesen nicht einfach wie den Herd in der Küche abdrehen können. Niederlagen gehören zu unserem Leben, wir sind schließlich Menschen und keine Maschinen, können auch nicht – zumindest die meisten von uns – in der Glaskugel lesen, ob wir den einen oder anderen Wettkampf besser lassen sollten. Niederlagen sind – so bitter sie sind – eine Einladung, etwas zu lernen und das nächste Mal besser zu machen. Sie sind ein wichtiger Teil, um besser zu werden, um uns weiter zu entwickeln.

Die Freude wiederfinden

Da komme ich nun wieder zu meinem lieben Lauffreund Reinhard. Nach Beendigung des Laufes waren wir in Tulln Abendessen und haben den Lauf analysiert. Eigentlich begann ich schon beim Einpacken damit, aber nach dem Ortswechsel zum Italiener kam zumindest die erste kleine Distanz zu dem Lauf und das Aufarbeiten war nicht mehr ganz so schmerzhaft. Ich bin mit meiner Analyse immer erst fertig, wenn ich das Gefühl habe: ja, das ist es und sich der Grund für mich stimmig anfühlt. Reinhard war einfach super und gab mir ehrliches Feedback. Er meinte, so wie er mich kennt, wäre mir die Freude bei dem Vorhaben 24h Lauf abhandengekommen, also der Grund, warum wir laufen: Freude und Spaß am Laufen. Manchmal menscheln wir, kommen von unserem Weg ab, merken es aber nicht, weil es langsam passiert – vermute ich zumindest. Danke Gott für meinen lieben (Lauf)freund.

Ich hatte sofort das Bild vom Sardinia Trail 2018 vor Augen. Nach 2 sehr kalten Etappen bei wirklich schlechtem Wetter wie Nebel, Sturm hatten wir am 3.Tag Kaiserwetter und die Route führte immer wieder am Meer entlang. Mein Herz ist aufgegangen und ich war voll Energie bei diesen Bildern, diesen wundervollen Landschaften, durch die wir laufen durften. Ich wusste daher relativ rasch, was er meinte und er hatte recht. Ich war auch nicht bereit, meinem Rücken die alleinige Schuld zu geben. Das wäre zu einfach gewesen und es hat für mich einfach noch etwas gefehlt. Es gibt Läufe in unserem Leben, bei denen wir vielleicht auch leicht angeschlagen zum Start kommen. Aber der Schmerz verfliegt, es geht uns gut und wir genießen den Lauf. Wäre Tulln „mein Lauf“ gewesen, hätte sich möglicherweise mein Rücken überreden lassen, mitzuspielen anstatt die Rolle des Spielverderbers zu übernehmen. Im April bin ich in Langenzersdorf unwissentlich die 100 km mit Corona gelaufen. Es ist gut gegangen und ich konnte auf´s Stockerl laufen. Es war mein Tag, trotz Corona.

Mein Resümee

Mein Resümee dieser 60 km ist einerseits, die Lust am Laufen auf dem Weg zu meinem Ziel aus den Augen verloren zu haben und andererseits, dass diese Distanz wohl nicht die meine ist. Ich fühle mich im Bereich 6h bis 12h wirklich wohl und werde in nächster Zeit dabeibleiben. Das ist nicht in Stein gemeißelt, das kann sich auch ändern, muss es aber nicht. Ich werde es merken, wenn die Lust wieder kommt, es doch noch einmal mit den 24h zu probieren, nur halt nicht morgen oder übermorgen. Trotz dem Ergebnis bin ich froh, es probiert zu haben. Letztendlich ist es dennoch gut ausgegangen. Es ist halt nur eine Frage der Alternative: Ich bin gesund und kann morgen oder übermorgen wieder mit meinem so geliebten Sport beginnen. Auch mein Umfeld findet das richtig gut :-).

Krone richten – wenn wir bereit sind

Um dennoch Dankbarkeit für dieses Lernerlebnis zu empfinden, braucht es wohl noch ein bisserl Zeit, aber ich glaube, der Anfang ist gemacht, wenn wir uns der Lernaufgabe stellen und sie annehmen. Vielleicht machen wir den Fehler wieder, wissen aber dann schon um ihn, während wir ihn begehen, das Mal darauf klickt es bereits im Vorhinein und wir lösen Herausforderungen anders. Es sind andere Trainingskilometer, die wir in solchen Fällen machen. Lernangebote und -prozesse sind nie umsonst. Es geht darum, ob wir aufstehen, unsere Krone richten und weitergehen oder vielleicht erst einmal sitzen bleiben, innehalten, uns überlegen, warum wir nun hingefallen sind, und erst aufstehen, wenn wir bereit dazu sind. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.

In liebevoller Resonanz,