„Geht nicht – gibts nicht“ oder „Aufgeben tut man nur einen Brief“ sind Sprüche, bei denen sich möglicherweise bei vielen von uns grundsätzlich Bewunderung breit macht. Man denkt, wow – ein harter Knochen. Aber betrachtet man diese Aussagen näher und aus rationaler Sicht werden sie lauwarm, anstatt heiß zu sein.
Der Preis des Durchhaltens
Nicht nur im Leistungssport, sondern auch unter den ambitionierten Läufern unter uns treffen wir wohl Menschen, die um einen möglicherweise sehr hohen Preis einen Lauf finishen (wollen), also koste es fast was es wollte, weil „geht nicht gibts nicht“. Ob das gescheit ist, darf jeder/jede für sich beurteilen, der/die eine solche Entscheidung trifft und unter Umständen ein Risiko eingeht, diesen Sport gar nicht mehr ausüben zu können. Es hängt wohl auch davon ab, welche Priorität das Laufen an sich und dann auch noch ein besonderer Lauf hat. Aber schließlich muss er/sie mit den Konsequenzen umgehen können und damit leben. Wir haben bekanntlich fast immer eine Wahl. Wobei natürlich die Frage aufkommt, ob wir in manchen Situationen das Risiko richtig einschätzen können. Ich meine, wir haben schon gewonnen, wenn wir eine Situation nicht nur unter dem Fokus einer Zielflagge, die wir um jeden Preis erreichen wollen, beurteilen sondern ganzheitlich. Mit ganzheitlich meine ich einen distanzierteren Blickwinkel, also diesen einen Lauf in Relation zu unserem Läuferleben zu bringen.
Klar ist jedenfalls, dass es für unseren Körper wie für unseren Planeten keinen Plan B gibt und ihn – also unseren Körper – mit Ersatzteilen zu befüllen bringt wohl auch kein Mehr an Lebensqualität.
Ich glaube an das Gesetz der Resonanz und bin überzeugt, wenn wir unseren Körper auf Dauer ausquetschen wie eine Weintraube, werden wir früher oder später die Rechnung kassieren. Möglicherweise liege ich falsch, denke aber, Druck erzeugt Gegendruck. Der Druck, dem unser Körper standhält und diesem auch mehr oder weniger brav folgt, ist ohnehin enorm und im Grunde tut ihm ein gesundes Maß an Druck gut. Andernfalls würden wir ja kaum unsere Leistungen verbessern. Wenn wir uns aber das eine oder andere Mal bewusst machen, was unsere Körper leisten, darf sich Dankbarkeit breit machen. Es besteht nebenbei die Chance, eine möglicherweise angelegte Härte unserem Körper gegenüber zumindest in diesen Augenblicken in ein lebbares Gleichgewicht zu bringen.
Die Stärke, einen Lauf zu beenden
Eine weitere Perspektive dieses „geht nicht gibts nicht“ ist der Umstand, dass denjenigen Läufern, die einen Lauf frühzeitig beenden, weil sie vielleicht ein Risiko nicht eingehen wollen, oft wenig Bewunderung entgegengebracht werden. Reinhard Fendrich hat dies in dem Lied „Es lebe der Sport“ schon gut pointiert: Es wirkt a jede Sportart mit der Zeit ein bisserl öd, wenn es an Härte fehlt… Wir sollten uns für solch eine Entscheidung selbst loben. Wir treffen sie rational gegen eine Armada von Emotionen. Das ist nicht leicht und bewundernswert. Wir wissen alle, wie groß unser Leid ist, wenn wir nicht finishen können. Meistens nagt es an unserem Selbstvertrauen und wir strafen uns vielleicht selbst mit unschönen Gedanken ab. Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass es uns ohnehin meist nicht leichtfällt aufzugeben. Aber macht es nicht mehr Sinn, ein Leid rechtzeitig zu beenden, anstatt uns weiterhin zu quälen und möglicherweise eine langwierige Verletzung zu provozieren? Macht es nicht mehr Sinn, aufzuhören, aus dem DNF zu lernen, um es das nächste Mal besser zu machen? Macht es nicht mehr Sinn, aufzuhören, wenn unser Kopf einfach nicht will, leer ist, müde ist und den Körper mit noch mehr negativen Gedanken bombardiert? Rational wäre das einfach, wenn da nicht das Ego und die Emotionen wären….
Was uns ein DNF zeigen kann
Abhaken würde ich so einen Entschluss jedenfalls nicht so einfach. Ein DNF ist immer ein Ergebnis davon, dass etwas nicht passt und wir dürfen uns freuen, daraus etwas zu lernen. Es wäre ja schade, wenn wir unreflektiert einfach weitergehen und den Ball des daraus Lernens nicht fangen, sondern diesen möglicherweise an uns vorbeirauschen lassen oder die Erfahrung in die Schublade „Pech gehabt“, „dumm gelaufen“, „war halt nicht mein Tag“ stecken.
Manche beenden aber auch einen Lauf, weil sie vielleicht einfach keine Lust mehr haben. Dann hat möglicherweise die Motivation nicht gereicht, um sich bei einem Ultra zu quälen und das im besten oder schlechtesten Fall bis ins Ziel. Die Anstrengungswahrnehmung war in Relation zu der Herausforderung wohl nicht angepasst. Diese Wahrnehmung hängt ja direkt mit dem Willen, einen Lauf erfolgreich zu finishen und auch mit dem Training zusammen. Je größer der Wille, einen Wettkampf erfolgreich zu beenden, desto leichter fällt es mir, mich im Training anzustrengen. Die Empfindung ist eine ganz andere (Quelle: Siegen ist Kopfsache – Matt Fitzgerald). Passiert es uns öfters, dass wir bei einem Wettkampf keine Lust mehr verspüren, weiterzulaufen – braucht es vielleicht eine Rennpause, eine Laufpause, weil der Kopf leer ist, weil sich vielleicht Prioritäten in unserem Leben verschoben haben, weil gerade andere Dinge aufpoppen. Manchmal meint unser Leben, dass es vielleicht gerade an der Zeit ist, seinen Fokus auf einen anderen Bereich zu richten. Egal ob beruflich, gesundheitlich oder privat, wir brauchen jedenfalls Energie dafür, die uns dann beim Laufen fehlt. Macht es dann nicht eher Sinn, unsere Ambitionen herunterzuschrauben und anstatt Energie ins Training zu investieren, sich Energie aus dem Laufen für die Bereiche, die in Dysbalance sind, zu holen? Wir könnten ja den Spieß vielleicht umdrehen. Alles easy, wäre da nicht das Ego….
Es macht rein rational wohl wenig Sinn, immer wieder bei Läufen an den Start zu gehen – jedes Mal mit denselben mentalen und möglicherweise körperlichen Voraussetzungen und hoffen, dass es diesmal besser laufen wird. Es könnte sein, dass wir dasselbe Ergebnis erzielen. Wir wissen, es ist nicht sonderlich gescheit, immer dasselbe zu tun aber auf ein anderes Ergebnis zu hoffen (es ist laut meiner Recherche nicht erwiesen, dass dieses Zitat von Albert Einstein stammt).
Die Wurzel finden
Hinter jedem DNF steckt ein Grund und ich meine nicht z.B. eine Verletzung die während dem Lauf auftritt sondern es macht ja durchaus Sinn die Wurzel zu finden, indem wir einen Schritt zurück zu gehen, das Training sowie den Wettkampf aus einer gesunden Distanz zu analysieren, um dann gezielt für das nächste Vorhaben etwas zu verändern – und damit meine ich nicht zwangsläufig mehr zu trainieren, aber vielleicht das Training zu verändern, also an der einen oder anderen Schraube zu drehen und sich Zeit für eine Justierung zu nehmen. Trotz dem Misserfolg macht für mich die Suche nach dem WARUM Spaß, weil ich die große Chance bekomme, mich weiter zu entwickeln, besser zu werden und etwas zum Positiven zu verändern. Wir lernen ja auch schließlich aus Erfahrungen und wie armselig wäre unser Leben ohne Erfahrung und in der Folge ohne Veränderung.
Fehler sind ein Übungsfeld
Bei dem Aspekt „Fehler machen“ verhält es sich ziemlich identisch. Ich finde es so verdammt schade, dass Fehler grundsätzlich in unserer Gesellschaft so negativ bewertet werden. Natürlich sind Fehler in manchen Bereichen fatal, aber dennoch ist es ein Aufruf, etwas das nächste Mal besser zu machen. So haben wir alle als Kinder gelernt. Wir haben immer wieder und so lange probiert, bis wir etwas geschafft haben. Mit dieser Methode haben wir es fast alle ins Erwachsenenalter geschafft. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass diese Art zu lernen recht erfolgreich ist, oder? Im Erwachsenenalter sieht das dann anders aus – wir dürfen ja keine Fehler machen. Aber so lernen wir – und das nachhaltig. Ich finde es ziemlich nervig, energie- wie auch zeitraubend, stundenlang einen Schuldigen für Fehler zu suchen. Das macht keinen Sinn, denn er ist schon passiert. Es macht doch mehr Sinn zu analysieren, wie dies passieren konnte – also was sollte ich in Zukunft anders machen. Im Wettkampf ist das der Kardinalsfehler vieler Läufer: das zu schnelle wegstarten. Bei manchen Ultras meint man am Start fast, man ist fälschlicherweise Teilnehmer bei der Kurzdistanz. Dies ist ein grandioses Übungsfeld fürs Lernen aus Fehlern. Die anderen, die ebenfalls zu schnell starten, sind nicht schuld.
Intuition statt Ego
„Geht nicht – gibts nicht“ kommt möglicherweise aus dem Ego und ist im Fall des Falles der große Feind unserer Intuition. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Intuition ein guter Ratgeber ist. Ich glaube, wir können uns viel Leid(en) wie auch Verletzungen ersparen, wenn wir ihr folgen. Unsere Intuition meint es gut mit uns. Hören wir auf sie, wissen wir ziemlich rasch, wie wir uns entscheiden sollten, also unter anderem ob weiterlaufen oder beenden, ob der nächste Trainingslauf noch Sinn macht, oder genau dieser eine ein Zuviel ist und uns eine längere Verletzungspause aufzwingt. Mir hilft sie jedenfalls, meine Grenze zu spüren und bringt mich meist zu einer gesunden Entscheidung. Gehen wir dann dennoch über unsere Grenzen, haben wir diese bewusst getroffen.
Geht nicht – gibts also doch und hat eine Berechtigung in unserem Leben. Abgesehen davon hält sie uns am Leben.
Ich wünsche euch einen farbenfrohen Herbst und viele wunderbare Läufe. Genießt die Natur mit allen Sinnen – es macht Spaß, bringt uns Energie, also mehr oder weniger ein Kurzurlaub in Laufschuhen.

